Horizontale, vertikale und diagonale Linien sowie eine auf Schwarz, Weiß und Grau reduzierte Farbpalette bilden die Basis von Esther Stockers Rasterstrukturen. Die Künstlerin interessiert sich von jeher für die Wissenschaften und lässt sich von diesen inspirieren. Vor allem die Beziehung zwischen aktivem Sehen und Denken hat sie erforscht, sich mit Wahrnehmungslehre und Gestaltpsychologie beschäftigt. Dabei lassen die aus vielen parallelen, senkrechten und gekreuzten Linien bestehenden (Wand-)Malereien, Objekte und raumgreifenden Installationen an mathematische Axiome und Koordinatensysteme denken. Angesichts dessen scheint ein Exkurs in die Geschichte der Geometrie naheliegend.

Im 3. Jh. v. Chr. verfasste Euklid mit Die Elemente jene mathematische Lehre in 13 Bänden, die etwa Zweitausend Jahre lang als bestimmend galt. Das von ihm formulierte Parallelen-Postulat, demzufolge in einer Ebene durch einen Punkt außerhalb einer Geraden eine einzige zu dieser Geraden parallele Linie zu verlaufen habe, ist allgemein bekannt. Immer wieder suchten große Denker, Euklids Parallelen-Postulat aus anderen Postulaten bzw. Axiomen herzuleiten. Archimedes ebenso wie Ptolemäus und Carl Friedrich Gauß, der schließlich erkannte, dass das Parallelenaxiom nicht herleitbar ist. Bemerkenswert auch die Überlegungen des italienischen Jesuiten Girolamo Saccheri zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Er verneinte das Parallelen-Postulat und kam dadurch zu Schlussfolgerungen, die ihm absurd erschienen. Dies waren sie aber ganz und gar nicht, vielmehr stellten sie bereits Theoreme der sogenannten Nicht-Euklidischen Geometrien dar. Diese neuartigen Geometrien, in denen das Parallelenaxiom nicht gilt, wurden zu Beginn des 19. Jahrhunderts nahezu gleichzeitig von den Mathematikern Nikolaj Lobacevskij und János Bolyai entdeckt und brachten nicht nur die damalige Welt der Mathematik ins Wanken, sondern das abendländische Denken an sich.

Betrachtet man nun Esther Stockers Installation im Grünen Salon des Palais Metternich, so scheint es, als würde hier die Matrix des euklidischen Raumes ausschnitthaft sichtbar und dabei weit über den Salon hinaus in eine rätselhafte Unendlichkeit verweisen. Lässt man im Vergleich dazu die großen Leinwände im Schlachtensalon und im Gelben Salon auf sich wirken, wird deutlich, wie sehr die Künstlerin an den geordneten und regelmäßigen Strukturen des euklidischen Raumes rüttelt. In der Ordnung verbirgt sich Unordnung und umgekehrt. Diesem vermeintlichen Widerspruch geht Stocker in vielen ihrer Arbeiten auf den Grund. Die zunächst clean anmutenden Rasterstrukturen sind von sanften Störungen durchzogen. Visuelles Rauschen entsteht. Was man in der physikalischen Akustik Schwebung nennt, hat Stocker in die Sprache der bildenden Kunst übersetzt. Wie die Entdecker Nicht-Euklidischen Geometrien rekonfiguriert sie die ursprünglichen Parameter und schafft dadurch Raum für ungeahnte Wahrnehmungs- und Denkerlebnisse.

Das Konzept der Raumkrümmung, das Einsteins Relativitätstheorie zufolge dem Weltall einen nicht-euklidischen Charakter verleiht, kennzeichnet schließlich Stockers auf Knickungen und Faltungen basierende Objekte, die im Festsaal des Palais zu sehen sind. Auf den antiken Möbeln der Bel Etage platziert erinnern sie an Meteoriten.

Eines ihrer Anliegen sei, so die Künstlerin, „die handschriftlose Geste der Geometrie und die handschriftliche Geste der abstrakten Kunst in ein spannendes Verhältnis“ zu setzen. Vor der Folie der historistischen Architektur des Palais Metternich entfalten Esther Stockers Arbeiten als Metaphern des Nicht-Euklidischen Raums ihren besonderen Reiz.

Marcello Farabegoli, März 2016